15. 11. 2014, 17:00

Verleihung des exil-DramatikerInnenpreis 2014 auf der Buch Wien an Barbara K. Anderlič

Messe Wien, Messehalle D, ORF Bühne
1020 Wien

Seit 2007 unterstützen die WIENER WORTSTAETTEN die exil-Literaturpreise, eine Initiative des Vereins exil, mit einem Preis in der Kategorie Drama. Dieser ist mit € 2.000,- dotiert.

Bisherige PreisträgerInnen waren Semir Plivac, Ana Bilic, Marianna Salzmann, Olga Grjasnowa, Azar Mortazavi, Valerie Melichar und Susanne Ayoub.

2014 wurden beim international ausgeschriebenen Wettbewerb 29 Stücke eingereicht, 15 von Autorinnen und 14 von Autoren. Deren Herkunftsländer sind Bosnien, Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Irak, Iran, Italien, Japan, Kolumbien, Luxemburg, Österreich, Rumänien, Russland, Schweiz, Serbien, Slowenien, Tschechien und die Ukraine.

Der exil-DramatikerInnenpreis 2014 ergeht an Barbara K. Anderlič für ihr Stück Von Schablonen und Romanfiguren.

  • Die Preisverleihung findet im Rahmen der Buch Wien, gemeinsam mit den weiteren exil-Literaturpreisen, statt:
  • Samstag, 15. November 2014, 17.00 Uhr
  • Messe Wien, Messehalle D, ORF Bühne
  • Jury exil-DramatikerInnenpreis 2014:
  • Petra Paterno (Wiener Zeitung), Roland Koberg (Dramaturg) und Bernhard *Studlar (WIENER WORTSTAETTEN)

Barbara K. Anderlič, geboren in Ljubljana, Slowenien, studierte Übersetzen (Englisch, Slowenisch, Spanisch) in Graz und lebte danach mehrere Jahre in Shanghai, China. Dort war sie auf und hinter der Bühne an unzähligen Aufführungen beteiligt, darunter Nick Yus „Drift“ (Shanghai Contemporary Theatre Festival und Edinburgh Festival Fringe). Im Winter 2013 leitete sie einen Theaterworkshop für das Thespo Youth Theatre Group Festival in Mumbai, Indien. Dabei arbeiteten die Teilnehmer an drei spanischen Stücken („Ramón“ von Sergi Belbel sowie „Borges“ und „Goya“ von Rodrigo García), die von Anderlič eigens für den Workshop ins Englische übersetzt worden waren. Zuletzt führte sie Regie bei Mike Bartletts „Cock“ für das Shanghai Pride Festival und nahm am Forum Theaterübersetzung bei der Theaterbiennale in Wiesbaden teil. Sie schreibt auf Deutsch und Englisch und ist außerdem als Übersetzerin tätig. Zurzeit arbeitet sie an einer Graphic Novel über die LGBTQ Szene in China.

  • Juryspruch (für die Jury verfasst von Roland Koberg):
  • Barbara K. Anderlič hat ein bemerkenswertes Theaterstück geschrieben, das, um gleich dessen größte Schwäche hervorzuheben, einen sehr langweiligen Titel hat: „Von Schablonen und Romanfiguren“. Bei so einem Titel denkt man an brave linguistische Seminararbeiten oder uninspirierte Essays in Wochenendbeilagen und von beidem hat Barbara K. Anderlič’ Stück wirklich rein gar nichts. Dabei ist der Titel nicht einmal falsch, er trifft in gewisser Weise sogar ins Schwarze: Denn er beschreibt das schwierige, spannungsgeladene Verhältnis einer Autorin zu ihrem Personal. Wie dieses Personal kommt und geht, wie es beim Näherkommen schärfer wird und wieder in die Unschärfe entlassen wird, wie es von der Schablone zur Figur wird und vom Einzelwesen wieder zum allgemeinen Exemplar, diese Arten von Verwandlung durchziehen das Stück in einer großen, eindringlichen Suchbewegung.

Formal bietet das Stück nicht viel anderes als Dialoge zwischen wechselnden Gesprächspartnern, zwischen Jung und Alt, zwischen Menschen, die in ihren Erinnerungen leben und solchen, die jetzt und jetzt in der Welt bestehen wollen. Man konfrontiert sich gegenseitig mit Dingen, die man besser weiß oder zumindest anders im Kopf hat. Kein dramaturgisch gebauter Konflikt, sondern erzählwütiges Nebeneinander (was manchmal zu Konflikten führt). Mehr Diskurs als Drama. Zu den meistens fließenden, manchmal sehr abrupten Bewegungen, die das Stück macht, gehören Zeitsprünge, Sprünge über Jahre und Jahrzehnte, einmal, im Falle einer Fluchtgeschichte, die uns von Slowenien über Udine nach Kanada führt, sogar über ein volles Jahrhundert: Eine Frau wird im Altersheim mit Hemingways „In einem anderen Land“ konfrontiert, eine Passage im Buch springt auf die Alte über, sie und ihre Freundin werden buchstäblich zu Beifahrerinnen und schließlich Hauptfiguren in der Geschichte, die eigentlich Hemingway und seinen Erinnerungen als Sanitäter im Ersten Weltkrieg zu gehören schien … Eine andere Such-Bewegung betrifft, ebenfalls ganz konkret, die Ortswechsel. Erzwungene Ortswechsel wie Deportationen, Flüchtlingsdramen und Geschichten von Kindesraub kontrastieren mit dem umtriebigen gegenwärtigen Leben der einzigen Namenlosen des Stücks, der „Frau“ (manchmal zusammen mit „Mann“). Diese Frau, offenkundig Alter Ego der Autorin, hetzt um den Globus, ihre nationale Identität führt nur zu kuriosen Missverständnissen: als sie sich in Dhaka von einem Rikscha-Fahrer kutschieren lässt, hält der sie für eine „Somali-Chinesin“ – Somalia, weil er Slowenien damit verwechselt, Chinesin, weil die Frau gerade aus China angereist war … Aber, so scheint sich die Frau zwischen den Zeilen zu fragen, trifft es „Somali-Chinesin“ nicht sogar besser als „Slowenin“? Diese Frau ist es auch, die in einer Art Exposition auf fast Hofmannsthalsche Weise von den Schwierigkeiten erzählt, Worte zu formen und aus Worten eine Biographie zu formen: „Ich öffne meinen Mund und die Worte sprudeln einfach nur so aus mir raus. Sie formen mir nichts dir nichts Mauern und Grenzen, ja, wie kleine bunte Legosteine, die meine Identität versuchen abzugrenzen, zu umfassen …“ Die Frau sagt auch, überraschend heimatlich: „Ja, ich leide an der großen slowenischen Wunde.“ Beim Lesen merkt man bald (man wird es auch beim Zuschauen merken): hier sind alle Identitäten in Bewegung, insbesondere die nationalen. Man hat Personen vor sich, deren Leben sich wie große Romane lesen lassen, und solche, die für diese Erzählform eben nicht taugen. Jung oder Alt, Slowenin, Österreicher oder Chinesin, jede Figur des Stücks (und jede Schablone) betreibt auf ihre Weise Selbstvergewisserung, befragt die Erinnerung, sucht ihre Position. Welches identitätsstiftende Ereignis hat wirklich so stattgefunden? Wo muss sich das Gedächtnis durch die Geschichtsschreibung korrigieren lassen und wo wird umgekehrt ein Schuh daraus: Dann ist die Erinnerung stärker, lebendiger und richtiger als jede historische Wahrheit … Bei einer Umsetzung auf der Bühne könnte ein Zuschauer genau daran Freude haben: Menschen vergewissern sich auf der Bühne ihrer Existenz, sie nähern sich den Geschichten, die sie im Laufe eines Lebens produziert haben und eben jetzt produzieren, sei es aus eigenem Antrieb oder weil historische Ereignisse ihnen die Geschichten diktiert haben (die Diktaturen des 20. Jahrhunderts spielen dabei eine nicht unbedeutende Rolle). Die großen nationalen Traumata des kleinen Nachbarlandes östlich von Italien nehmen Gestalt an: der Vertrag von Rapallo, der Nazi-Terror, der Zehn-Tage-Krieg. Verletzungen, die in den Körpern sitzen. Ein bisschen liest sich das Stück wie die Stückentwicklungen von Yael Ronen, die – zuletzt in Graz und am Berliner Maxim Gorki Theater – mit Schauspielern zusammen gemeinsame (oder eben auch trennende) Geschichten schreibt, erfundene, erinnerte und erlebte. Das Stück von Barbara K. Anderlič ist ohne ein solches Ensemble entstanden, aber schon jetzt möchte man die Menschen, die dieses einmal spielen und beglaubigen, gern persönlich kennenlernen. Den Titel kann man ja vielleicht noch ändern. „In einem anderen Land“ hat leider schon Hemingway verbraten.

  • Jury exil-DramatikerInnenpreis 2014:
  • Petra Paterno (Wiener Zeitung), Roland Koberg (Dramaturg) und Bernhard Studlar (WIENER WORTSTAETTEN)

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