“Partisan und Revolutionär, Staatspräsident Jugoslawiens, Diktator und Architekt eines alternativen sozialistischen Modells – bis heute entzieht sich Tito jeder politisch und historisch eindimensionalen Zuordnung.” Dies sind die unter einem roten Stern prangenden ersten Zeilen am Buchumschlag der jüngst erschienen Biografie „Tito“. Der Autor, der bekannte slowenische Historiker Jože Pirjevec verweigert sich in seinem Meisterwerk einer eindeutigen und eindimensionalen Einschätzung von Josip Broz. Nach so vielen Jahren der intensiven Auseinandersetzung mit der Person Tito und politischen und gesellschaftlichen Umständen seiner Lebenszeit ist diese Weigerung nur verständlich. Heute, mehr als zwei Jahrzehnte nachdem Titos Jugoslawien in Kriegen der 1990er Jahre blutig auseinanderfiel, ranken sich um Tito Legenden, prallen negative und positive Emotionen aufeinander, verehrt und verklärt man Tito oder verurteilt und verteufelt man ihn und sein Land. Nostalgie auf der einen Seite und Verdammnis auf der anderen sind die beiden Extrempole in der Debatte, die den Widersprüchen der Person und seiner Zeit nicht gerecht werden.
Was blieb vom Tito-Jugoslawien? Die öffentliche Diskussionsveranstaltung wird sich den Widersprüchen Titos und seiner Zeit und den Hinterlassenschaften Jugoslawiens annähern. Sie möchte jenseits von Nostalgie und Verdammnis und jenseits des Balkan-Klischees als eines ewigen Pulverfasses dialogisch der komplexen Geschichte und der Gegenwart der Region des ehemaligen Jugoslawiens begegnen. Im Laufe des Abends soll ein aktuelles Bild der Region zwischen historischen Spannungen, Nostalgie und Verklärung entstehen, ein Kaleidoskop der Erinnerungen, der Narrative und jedenfalls auch der Widersprüche.
- Moderation: Vedran Džihić, Senior Researcher oiip
- Buchpräsentation und Lesung: Hana Stojić, Traduki; Jože Pirjevec, Mitglied der Slowenischen Akademie der Wissenschaften
- Podium: Jože Pirjevec, Mitglied der Slowenischen Akademie der Wissenschaften; Tanja Malle, ORF Journalistin/Ö1; Florian Bieber, Professor Universität Graz, Zentrum für Südosteuropastudien; Marija Ivanović, literarische Übersetzerin und Dolmetscherin
- Eine Veranstaltung von KulturKontakt Austria, Traduki und dem Kunstmann Verlag in Kooperation mit dem oiip
Foto: © Kunstmann Verlag



